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„Zukunft erwirtschaften“ – Konferenz zum 40. Geburtstag entwicklungspolitischer Organisationen und Beitrag zum Europäischen Jahr für Entwicklung 2015

Konferenz „Zukunft erwirtschaften“, Foto: DEAB e.V., Claudia Duppel

Podium Claudia Duppel, Dr. Boniface Mabanza, Maria Heubuch (MdEP), Anaim Gräff, Foto: DEAB e.V., Claudia Duppel

4. Juli 2015, Stuttgart. Drei entwicklungspolitische Organisationen in Baden-Württemberg feierten am vergangenen Samstag ihren 40. Geburtstag mit einer Konferenz. Gemeinsam mit Experten suchten sie Antworten auf die Frage, wie die Wirtschaft von morgen gestaltet werden muss, um entwicklungspolitischen Zielen endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Die Jubilare luden zur Konferenz „Zukunft erwirtschaften: zwischen Weltgemeinwohl und Freihandel. Konferenz zum EU-Jahr der Entwicklung 2015“. Der Einladung in die Stuttgarter Jugendherberge folgten rund 100 Mitglieder, Interessenten, Freunde und Freundinnen der drei Jubilare: Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg e.V. (DEAB e.V.), Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg e.V. und Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (ZEB).

„Seit vielen Jahren beschäftigen wir uns mit Hunger, der Chancenungleichheit, der übergroßen Macht der Konzerne“, sagte Claudia Duppel, Geschäftsführerin des Dachverbands Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB). „Dennoch haben heute 0,2 Prozent der Weltbevölkerung rund 50 Prozent des börsennotierten Vermögens.“ Benötigt werde ein Up-Date, so Duppel. „Wir wollen heute Gegenkonzepte präsentieren, wir möchten Hoffnungszeichen sichtbar machen“. Tatsächlich zeigte die Tagung, dass sowohl von Seiten der Politik als auch der Zivilgesellschaft vielversprechende Ansätze vorhanden sind. Doch sie machte auch deutlich: Diese genügen nicht. Alte Denkweisen müssen verlassen und neue Wege beschritten werden.

„Wir sind noch nicht aus dem Kolonialsystem ausgestiegen“. Der Philosoph und Theologe Dr. Boniface Mabanza machte in einer berührenden Rede die engen Verflechtungen zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Deutschland deutlich. Seit der Kolonialsierung dienten die Rohstoffe des afrikanischen Landes den kapitalistischen Ländern zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, so Mabanza. Auch heute sei die DR Kongo aufgrund ihrer Rohstoffe Teil des deutschen Alltags. Diese Beziehung habe auf der einen Seite Tote und Umweltzerstörung zur Folge, auf der anderen eine einseitige Medienberichterstattung, die das afrikanische Land nur unter der Prämisse „Krise“ darstelle. Unberücksichtigt bleibe, dass das Leben der Kongolesen bestimmt sei von einer Lebensfreude, die Mabanza als „Kategorie der Bejahung und des Widerstands“ bezeichnete. Um angesichts der tiefen globalen Krisen sinnvoll zu agieren, müssten alle intellektuellen, spirituellen und moralischen Ressourcen der Menschheit  freigelegt und alte Muster verlernt werden.  Mabanza empfahl: „Am besten sind wir in einem Kontext aktiv, den wir kennen. Am besten kennen wir den deutschen Kontext. Von hier müssen wir ausgehen“.

Die Europaabgeordnete Maria Heubuch, MdEP, bestätigte, dass die Handelspolitik eine neue Grundlage brauche. „Die Logik der EU, dass Handel Wachstum fördert und somit auch Entwicklung und Armutsbekämpfung ist oft nicht gewährleistet“. Zwar erkläre der Lissabon-Vertrag die Armutsbekämpfung zum Hauptziel der europäischen Entwicklungspolitik, die Wirklichkeit sähe anders aus, denn „Wir denken die Dinge nicht zusammen.“ Insbesondere die Wirtschaftlichen Partnerschaftsabkommen (EPAs) zeigten am Beispiel Westafrikas  die Inkohärenz der EU-Handelspolitik mit den Entwicklungszielen. Nötig sei es, bei allen Handels- und Investitionsabkommen unabhängige menschenrechtliche Folgeabschätzungen vorzunehmen und Menschenrechtsklauseln festzusetzen. Darüber hinaus müsse die Handelspolitik transparenter und demokratischer gestaltet werden. Ein Umdenken sei dafür bis hinein in die Universitäten unerlässlich.

Auch Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Ökonomin und Ehrenvorsitzende des BUND, betonte die Widersprüchlichkeit politischer Ziele. Bereits bei der Konferenz zu Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 wurde das Leitbild der Nachhaltigkeit ausgerufen, doch im Zweifel setze die Politik nach wie vor auf wirtschaftliches Wachstum. Die resultierenden ökologischen und sozialen Probleme, wie beispielsweise Klimawandel, sinkende Biodiversität, Armut, soziale Ausbeutung seien unverkennbar. Das Bewusstsein steige, aber Konsequenzen blieben aus. Stattdessen werde dem Problem mit dem schönen Begriff nachhaltiges Wachstum begegnet. Alles spreche dafür, dass die ökologischen Ziele damit nicht zu erreichen seien. Die Transformation hin zu einer Postwachstumsgesellschaft vor allem in den wachstumsabhängigen Bereichen müsse endlich beginnen, so Zahrnt.

Ein Beispiel für eine gelebte Transformation machte Anaim Gräff, Architektin und Trainerin des Transition Netzwerk e.V., sichtbar. Sie schilderte die Kennzeichen einer Transition-Town, bei der Kopf, Herz und Hand gleichermaßen einbezogen werden. Darüber hinaus würden wichtige ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt, so Gräff. So werde in der Transition-Town beispielsweise eine Bauweise im Hinblick auf eine Postoil-Gesellschaft umgesetzt.
Arbeitsgruppen gaben die Möglichkeit, die Themen zu vertiefen. Sie zeigten auch: Die Zivilgesellschaft setzt bereits viele erfolgsversprechende Projekte hin zu einer Großen Transformation um.

Diese Veranstaltung wurde gefördert von Engagement Global aus Mitteln der Europäischen Union und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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